Die Bildungsministerkonferenz hat sich diese Woche auf eine gemeinsame Linie geeinigt: Kinder und Jugendliche sollen im Umgang mit Social Media nicht durch pauschale Verbote geschützt werden, sondern durch Medienkompetenz.
Sensibilisieren, stärken, schützen, so lautet der Dreiklang, auf den sich die Ministerinnen und Minister der Länder verständigt haben. Ich finde das richtig. Und ich finde es gleichzeitig leicht amüsant, dass wir als Gesellschaft offenbar immer wieder denselben Weg gehen müssen, bevor wir bei derselben Erkenntnis ankommen.
Das kennen wir doch irgendwoher
Wer wie ich in den 90ern bis in die 2000er Jahre seine Kindheit und Jugend verbracht hat ist, hat diese Debatte schon mal erlebt. Nur mit anderen Protagonisten.
Damals waren es die Killerspiele. Doom, Quake, Counterstrike. Kennste? Wer damit aufgewachsen ist, erinnert sich an die Schlagzeilen. „Macht aggressiv.“ „Verroht die Jugend.“ „Muss verboten werden.“ Es gab Anhörungen im Bundestag, Expertengutachten, Talkshow-Runden mit aufgeregten Eltern und nickenden Pädagogen. Eine ganze Generation von Jugendlichen spielte Ego-Shooter und sollte laut Expertenmeinung auf dem besten Weg in die Verrohung sein.
Davor waren es die Videokassetten. Und der Walkman (Kinder hören keine Musik mehr mit anderen zusammen!). Und das Fernsehen generell, das die Jugend passiv und denkfaul mache. Und natürlich die Comics in den 50ern, die für juvenile Delinquenz verantwortlich gemacht wurden, bis ein Psychiater namens Fredric Wertham mit seinem Buch „Seduction of the Innocent“ eine veritale Panik auslöste.
Jedes neue Medium, das Jugendliche anzieht, löst verlässlich dieselbe Reaktion aus: Erst Panik, dann Verbotsrufe, dann meist nach ein paar Jahren die Erkenntnis, dass man Medienkompetenz braucht und keine Verbote.
Wir sind gerade wieder im dritten Akt.
Was diesmal anders ist und was nicht
Social Media ist natürlich kein Doom-Level. Die Mechanismen, mit denen Plattformen Aufmerksamkeit erzeugen und binden, sind ausgefeilter als alles, was es vorher gab. Algorithmische Feeds, Benachrichtigungen, Likes als Sozialkreditsystem – das ist nicht zu verharmlosen, besonders nicht für Kinder, deren Identität und Selbstbild sich noch formen.
Aber ein pauschales Verbot löst das nicht. Es verlagert das Problem, es macht es unsichtbar, es gibt Eltern und Politik das beruhigende Gefühl, etwas getan zu haben während die technikaffinen Kinder dasselbe über VPN tun, nur ohne jede Begleitung. Rabattcode für NordVPN oder Surfshark läuft ja neben Holy und dem Energydrink von F-Promi XY gefühlt auch bei allen Influencern im Werbeblock mit.
Bundesbildungsministerin Karin Prien hat es treffend formuliert: Es sei „eine sehr vereinfachte Debatte, die hier geführt wird“. Das stimmt. Ein Altersverbot auf TikTok klingt nach Handlung. Ist es aber nicht, solange niemand erklärt, wie ein 13-Jähriger lernen soll, einen Algorithmus zu durchschauen, Desinformation zu erkennen oder den Unterschied zwischen einer echten Freundschaft und einem digitalen Follower zu verstehen.
Der Wandel geht schneller als die Angst
Was mich bei dieser ganzen Debatte am meisten beschäftigt: Wie rasend schnell sich diese Welt verändert und wie viel langsamer unsere gesellschaftliche Reaktion darauf ist.
Meine Generation hat die Einführung des Internets erlebt, den Aufstieg von Google, die ersten sozialen Netzwerke, das Smartphone, Streaming, KI-Assistenten. Alles innerhalb von etwa 25 Jahren. Und jedes Mal wurde zuerst die Panikglocke geläutet, dann die Verbotsforderung gestellt. Erst mit der Zeit, manchmal Jahrzehnte später wurde dann der Kompetenzbedarf erkannt.
Das Muster ist so zuverlässig wie frustrierend.
Wenn man bedenkt, dass die Generation, die heute über Social-Media-Verbote debattiert, selbst mit Counterstrike, ICQ und illegalen MP3s von Napster aufgewachsen ist und dabei mehrheitlich keine soziopathischen Züge entwickelt hat dann darf man die aktuelle Debatte vielleicht ein bisschen entspannter führen. Nicht leichtfertig. Aber entspannter.
Was wirklich hilft
Die Bildungsministerkonferenz hat recht: Es braucht Medienkompetenz in den Schulen, und es braucht die Einbindung der Eltern. Beides ist schwieriger umzusetzen als ein Verbot. Genau deshalb wird ein Verbot oft bevorzugt, denn Verbote sind sofort sichtbar und leicht umzusetzen. Medienkompetenz dagegen ist mühsam, braucht Vorbilder und Zeit.
Niedersachsen testet gerade einen „Social-Media-Führerschein“. Das klingt zunächst nach einer dieser typisch deutschen Ideen, die schon im Namen etwas überdreht wirken. Aber der Gedanke dahinter ist richtig: Wir bringen Kindern bei, wie man ein Fahrrad fährt, wie man schwimmt, wie man einen Vertrag liest. Warum nicht auch, wie man einen Algorithmus erkennt, der die eigene Aufmerksamkeit manipuliert?
Am 24. Juni soll eine Expertenkommission knapp 50 Empfehlungen an Schulen, Eltern, Kitas und Ärzte vorlegen. Ich bin gespannt, was davon in der Praxis landet.
Addendum : Die Kommission hat erstmal abgeliefert. Sogar 56, die Streber. 😉 Nice. Es soll sogar ein KI-Seepferdchen geben, nicht nur den oben angekündigten Social-Media-Führerschein. Evtl. müsste die Kommission sich nochmal fix den einen oder anderen Influencer schnappen um das Wording ein wenig mehr in die Jugendsprache zu verpflanzen? Aber immerhin, es wurde was geliefert.
Hier könnt ihr die „Kurzfassung“ der 56 Handlungsempfehlungen direkt als PDF runter laden.
TL:DR
Ich war dabei, als Killerspiele die Jugend und jugen Erwachsenen ruinieren sollten. Ich war dabei, als das Internet die Sozialkompetenz zerstören sollte. Ich war dabei, als Smartphones die Aufmerksamkeitsspanne auf Null bringen sollten. Und ja, ich hatte einen GameBoy, Discman, einen Walkman und einen Schwung NightRider Videokasetten. Neulich hatte ich sogar noch eine FlashGordon Hörspiel Kasette in der Hand. (Ming’s Rückkehr, Klassiker) Die gute Nachricht: ich lebe noch.
Wir sind noch da. Ein bisschen zerstreuter vielleicht. Aber da.
Social Media ist ein echtes Thema mit echten Risiken, besonders für jüngere Kinder. Aber die Antwort darauf ist dieselbe wie immer: Verstehen, einordnen, begleiten. Nicht wegsperren und hoffen, dass das Problem sich von selbst erledigt.
Das hat noch nie funktioniert. Und diesmal wird es das auch nicht.