Mitte Juni hat die US-Regierung etwas getan, das ich so ehrlich gesagt nicht auf dem Zettel hatte:
Anthropic musste seine beiden leistungsfähigsten KI-Modelle abrupt deaktivieren, nachdem die Trump-Administration eine Exportkontrolldirektive erlassen hatte, die die Nutzung von Fable 5 und Mythos 5 durch Nicht-US-Bürger untersagt, sogar einschließlich Anthropics eigener ausländischer Mitarbeiter. Die Time berichtete am 13.6 ähnlich erstaunt darüber.
Kurze Einordnung für alle, die das verpasst haben: Am 9. Juni 2026 veröffentlichte Anthropic Claude Fable 5 und Claude Mythos 5. Drei Tage später ordnete die US-Regierung an, den Zugang für ausländische Staatsbürger zu sperren. Da Anthropic den Nationalitätsstatus der Nutzer nicht in Echtzeit verifizieren konnte, wurden beide Modelle schlicht für alle Kunden weltweit abgeschaltet.
Der offizielle Grund: Ein Jailbreak
Die Trump-Administration wies Anthropic an, Fable 5 und Mythos 5 sofort für ausländische Staatsbürger zu sperren. Dies geschah offenbar nachdem Amazon-Forscher einige der Sicherheitsmechanismen von Fable 5 umgehen konnten. Konkret geht es um eine Methode, die im Wesentlichen darin bestand, das Modell anzuweisen, eine bestimmte Codebasis zu lesen und etwaige Sicherheitslücken zu finden.
Anthropic selbst widerspricht der Einschätzung, dass das ein ausreichender Grund für einen globalen Bann sei. Das Unternehmen stellte fest, dass auch andere öffentlich verfügbare Modelle diese Schwachstellen finden können, und dies sogar ohne dass dafür eine Umgehung der Schutzmaßnahmen nötig wäre.
76 Cybersecurity-Experten, darunter CEOs, CISOs und Sicherheitsforscher, kritisierten in einem offenen Brief an Handelsminister Howard Lutnick, die Entscheidung habe die besten Werkzeuge aus der Hand von Verteidigern genommen, Marktverunsicherung geschaffen und Amerikas KI-Führungsposition geschwächt. Zu allem Überfluss auch noch ohne erkennbaren Sicherheitsgewinn.
Was mich daran beschäftigt
Ich will das hier nicht als schnöde Tech-Meldung abhaken, weil es mehr ist als das. Fable 5 war zwischenzeitlich teilweise ĂĽber die mobilen und Desktop-Apps wieder/noch verfĂĽgbar. Mythos 5 bleibt dagegen weiterhin gesperrt. Nachtrag: Mythos 5 wurde Stand 27.6 zumindest fĂĽr „ausgewählte Firmen“ wieder freigegeben.
Aber das eigentliche Problem ist ein anderes: Eine US-Regierungsbehörde hat an einem Freitagabend entschieden, dass ein Tool, für das Menschen und Unternehmen weltweit bezahlt haben und auf das sie angewiesen sind, ab sofort nicht mehr existiert. Keine Vorwarnung, kein Übergangszeitraum, keine Mitsprache. Einfach weg.
Das ist kein theoretisches Risiko mehr. Das IST passiert. Genau dies bringt mich zu der folgenden Ăśberleitung:
Digital Independence Day (und warum der Zeitpunkt wohl kein Zufall ist)
Zehn Tage vor dem Fable-Bann, am 3. Juni 2026, hatte die EU-Kommission ihr sogenanntes European Technological Sovereignty Package vorgestellt. Das Paket umfasst Maßnahmen zur Stärkung der EU-Kapazitäten in den Bereichen Halbleiter, KI, Cloud und Open Source mit dem Ziel, Europas digitale Autonomie zu stärken und eine nachhaltigere digitale Zukunft zu gestalten.
Kommissarin Henna Virkkunen betonte dabei, dass Europa im digitalen Bereich unabhängig werden sollte und langfristig Technologieführerschaft erreichen muss – und nannte US-Sanktionen sowie den US-Exportbann für leistungsstarke KI-Modelle von Anthropic explizit als Beispiele für die Risiken bestehender Abhängigkeiten.
Das Timing hätte kaum besser sein können, um den Punkt zu illustrieren.
Das eigentliche Problem: Wir hängen alle drin
Wer jetzt denkt „ich nutze kein Anthropic, mich betrifft das nicht“, sollte nochmal nachdenken. Das Prinzip gilt genauso fĂĽr AWS, Azure, Google Cloud, Microsoft 365, GitHub, Cloudflare und alles andere, was auf US-Infrastruktur oder US-Unternehmen basiert. All das unterliegt US-amerikanischem Recht und damit potenziell US-amerikanischen Exportkontrollen.
Hatte die EU im Jahr 2013 noch einen Anteil von 22 Prozent am globalen IKT-Markt, waren es 2022 nur noch 11 Prozent. Wir haben also nicht nur eine Abhängigkeit aufgebaut, wir haben sie in den letzten Jahren aktiv vertieft.
Die Frage ist nicht ob eine ähnliche Situation wieder eintreten kann. Die Frage ist stattdessen nur „wann“; und es bleibt fraglich, ob wir „dann“ besser aufgestellt sind.
TL:DR
Der Fable-Bann ist kein AusreiĂźer. Er ist ein Symptom. Das European Technological Sovereignty Package der EU-Kommission, bestehend aus dem Chips Act 2.0, dem Cloud and AI Development Act, einer EU-Open-Source-Strategie und einem Fahrplan fĂĽr KI im Energiesektor, ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.
Ob daraus wirklich etwas wird, hängt davon ab, wie ernst es die Mitgliedsstaaten nehmen und ob die Umsetzung nicht wieder Jahre hinter den Ankündigungen hinterherhinkt. Wie das bei der EU leider manchmal oft so ist.
Bis dahin gilt: Wer kritische Prozesse auf externe, US-amerikanische Dienste gebaut hat, sollte zumindest einen Plan B in der Schublade haben. Nicht weil die USA böse sind, sondern weil ein Freitagabend-Memo offenbar ausreicht, um euren kompletten Workload instant vom Netz zu nehmen.