„Ausweis bitte!“ Kommt bald das Ende der Anonymität im Netz?

Hey Leute! Na, heute schon mal in die Kommentarspalten bei X (ehemals Twitter), Instagram oder TikTok geschaut? Wenn ja, dann ist die Chance groß, dass euch eine Mischung aus Hassrede, wilden Verschwörungstheorien und dubiosen Bot-Profilen begegnet ist. Das Netz fühlt sich manchmal an wie der Wilde Westen, nur mit mehr Schimpfwörtern und weniger Hüten.

Die Politik hat jetzt (mal wieder) genug. Irland will unter der Führung von Simon Harris (dem stellvertretenden Ministerpräsidenten/Tánaiste) die EU-Ratspräsidentschaft im nächsten Jahr nutzen, um eine verbindliche Identitätsverifizierung auf Social Media durchzusetzen.

Aber ist das die Rettung unserer Debattenkultur oder der Anfang vom Ende der digitalen Freiheit? Schnappt euch einen Kaffee, wir dröseln das mal auf.

Was plant Irland? (Der Harris-Plan)

In einem aktuellen Interview mit extra.ie hat Simon Harris klargemacht: Er will den „Keyboard Warriors“ (Tastatur-Kriegern) den Garaus machen. Sein Argument: Wir haben im echten Leben für alles Altersgrenzen und Regeln – warum nicht online?

  • Verifizierungspflicht: Wer posten will, muss beweisen, wer er ist (z. B. durch einen Ausweis-Check).
  • Kampf gegen Bots: Anonyme Troll-Armeen sollen ausgesperrt werden.
  • Kinderschutz: Irland liebäugelt mit dem australischen Modell, das Kindern unter einem bestimmten Alter den Zugang zu Social Media komplett verbietet.

Harris sagt, es geht nicht um Zensur, sondern um den Schutz der Demokratie. Er selbst wurde Opfer von massiven Drohungen, und eine Frau wurde in Irland gerade erst zu sechs Monaten Haft verurteilt, weil sie ihn und seine Familie übelst bedroht hatte.

Ein Blick zurück: Als Blizzard die „RealID“ wollte (Der ultimative Fail)

Bevor wir die Politik feiern, müssen wir über Blizzard Entertainment sprechen. Die haben das nämlich 2010 schon mal im Endlevel probiert und es war eine Katastrophe epischen Ausmaßes.

Damals wollte Blizzard die „RealID“ im World of Warcraft Forum einführen. Jeder, der etwas postete, sollte automatisch mit seinem echten Vor- und Zunamen angezeigt werden. Die Idee: Wenn die Leute mit ihrem echten Namen dastehen, benehmen sie sich besser.

Das Ergebnis? Ein PR-Albtraum. Ein Blizzard-Mitarbeiter wollte beweisen, wie harmlos das ist, und postete seinen echten Namen öffentlich. Sorry Bashiok, war kein guter Tag damals für dich. Innerhalb von Minuten hatten User seine Adresse, seine Telefonnummer, Fotos seines Hauses und die Namen seiner Verwandten herausgefunden (Doxing). Blizzard ruderte innerhalb weniger Tage panisch zurück. Die Community hatte gezeigt: Anonymität ist im Netz oft ein notwendiger Schutzschild.

Pro & Contra: Die zwei Seiten der Medaille

Die Vorteile: Warum Harris recht haben könnte

Rechenschaft: Wer weiß, dass sein Name an einem Post klebt, überlegt sich dreimal, ob er Morddrohungen verschickt.

Bot-Stopp: Ein Großteil des Desinformations-Spams kommt von automatisierten Accounts. Ohne Ausweis kein Bot.

Kinderschutz: Eine echte Verifizierung würde verhindern, dass 10-Jährige in Welten landen, die für Erwachsene gedacht sind.

Die Nachteile: Warum wir vorsichtig sein müssen

Datenschutz-Albtraum: Wollt ihr wirklich, dass Meta, TikTok oder X eine Kopie eures Personalausweises haben? Wenn diese Datenbanken gehackt werden (und das werden sie), ist Identitätsdiebstahl vorprogrammiert.

Gefahr für Minderheiten: In autoritären Staaten oder auch bei sensiblen Themen (LGBTQ+, Whistleblowing) schützt Anonymität Leben. Ohne Pseudonyme verstummen viele wichtige Stimmen.

Doxing-Gefahr: Wie das Blizzard-Beispiel zeigt, können Trolle echte Namen nutzen, um Menschen im realen Leben zu verfolgen.

Meine Meinung: Ein zweischneidiges Schwert

Simon Harris hat recht, wenn er sagt, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sein darf. Hass und Hetze zerstören den Diskurs. Die zwingende verbindliche Identitätsverifizierung auf Social-Media-Plattformen durchzusetzen mag auf den ersten Blick als „Schritt 1“ noch harmlos erscheinen. Aber die damit verbundene, wenn auch nicht ganz so offensichtliche Klarnamenpflicht wie damals bei Blizzards Versuch ist ein Vorschlaghammer, wo vielleicht ein Skalpell nötig wäre. Ein Datenleck später und schwupps können online Profile problemlos echten Menschen zugeordnet werden – mit allen möglichen Konsequenzen. Nicht so geil, sorry!

Das Problem ist oft nicht die Anonymität an sich, sondern dass die Plattformen ihre eigenen Regeln nicht durchsetzen und die Strafverfolgung im Netz zu langsam ist. Wenn wir die Anonymität opfern, geben wir ein Stück Freiheit auf, das das Internet erst groß gemacht hat.